Pax Christi
Der laute Schrei nach Gerechtigkeit und die stille Hilfe für die Friedensstifter – Gleich zweimal war im November und Dezember eine Delegation von pax christi Würzburg in der bosnischen Stadt Banja Luka, der Hauptstadt der Republika Srpska. Im Bosnien Krieg wurden 90% der hier lebenden Katholiken und Muslime vertrieben. Zwei Drittel der ca. 220 000 Menschen umfassenden Stadtbevölkerung sind aus anderen Landesteilen vertriebene Serben. Es herrscht eine Arbeitslosigkeit von ca. 60 Prozent. Die Sozialgesetzgebung ist unzureichend. Die Regierung korrupt. Die Polizei wird geleitet von dem Kriegsverbrecher Dragan Lukac. Im Winter ist die Not am größten. Etliche Menschen hungern, in vielen Wohnungen herrscht eisige Kälte.

Seit genau 20 Jahren gibt es in Banja Luka das von pax Christi gegründete Friedensprojekt „Mirna Luka“. Geleitet wird das Projekt heute von Ajsa Babacic und Vezna Dudukovic. Es schafft seit dem Bosnien-Krieg konkrete Räume für Versöhnung, das Wachsen neuer Beziehungen, leistet kostenlose Rechtsberatung. Seit 6 Jahren fahren aufgrund der Vermittlung von pax christi Würzburg die Johanniter Weihnachtstrucker auch Banja Luka an. Das Friedensprojekt „Mirna Luka“ koordiniert die Verteilung der kostbaren Lebensmittel-Pakete. Es hat ein Netzwerk geschaffen zwischen den Wohlfahrtsverbänden der 3 Religionen (Orthodoxe, Muslime, Katholiken und NGO`s wie dem Verein Alleinerziehender Mütter „Ponos“, der Suppenküche „Mozaik“, dem Verein der Behinderten „Partner“ und dem Verein der Familien mit mehr als 4 Kindern“). Die in diesem Jahr von den Johannitern angelieferten ca. 2400 Pakete mit Grundnahrungsmitteln helfen zahllosen Menschen den Winter überleben. Das Verteilen der Hilfspakete geschieht still – von der Öffentlichkeit fast unbemerkt. In einem Klima, in dem die Politiker auf Hass und alte Feindschaften setzen, setzt das Netzwerk um Mirna Luka auf konkrete Zusammenarbeit. Man fragt hier nicht nach der Nationalität, sondern danach, wie man gemeinsam die vielen vielen Probleme lösen kann.

Das Projekt Mirna Luka könnte nicht arbeiten ohne konstante und konkrete finanzielle und ideelle Hilfe von außen – von pax christi Würzburg. So waren Anfang November und kurz nach Weihnachten Delegationen aus Würzburg in Banja Luka. Sie überbrachten insgesamt 3550 Euro an Spenden, warme Kleider und Hygieneartikel, trafen sich mit den Menschen des „Nachbarschaftstreffs“ und den Organisationen des Netzwerks, das die Weihnachtspakete verteilt. Dabei zeigte sich, wie dankbar die Empfangenden sind – an kleinen Geschenken, Umarmungen, auch an vielen Geschichten über Armut und Not, die so gelindert wird.

Die pax christi Delegationen beobachteten auch das politische Geschehen. Im November merkten sie, wie die jahrelang über den Menschen der Stadt lastende Lethargie nicht mehr so deutlich zu spüren war. Vor dem Kaufhaus „Boska“ in der Stadtmitte war eine Art Mahnmal aufgebaut für den im März unter mysteriösen Umständen ermordeten Studenten David Dragicevic. Die Polizei hat bis heute nicht nur das Verbrechen nicht aufgeklärt, sie hat sich auch in Widersprüche verwickelt. Das erbost die Eltern und alle, die mit ihnen fühlen. Sie halten die Vorgänge um Davids Tod für symptomatisch für die politische Situation des Landes. Seit März fanden täglich um 6 Uhr abends Mahnwachen mit mehr als hundert Teilnehmenden aus allen Volksgruppen statt. Diese forderten die Aufklärung des Verbrechens. Als die pax christi Delegation bestehend aus Martina Reinwald (Vorsitzende von pax christi Würzburg), Barbara Häußler (Mitglied des Vorstandes), Johannes und Martin Häußler und Natalia Hirschmann am 27. Dezember in die Stadt kamen, waren die Straßen voll mit schwarz gekleideter Polizei mit Schilden. In Zweierreihen umstellten sie den Platz vor dem Kaufhaus „Boska“. Das Mahnmal war geräumt. In der Dunkelheit bewegte sich ein nicht enden wollender, disziplinierter Protestzug durch die Stadt – die Menschen riefen immer wieder „Pravda za Davide“ – Wahrheit für David. Ajsa Babacic kennt Davids Eltern sehr gut. Sein Vater hat mit ihr die Schule besucht. Sie berichtete, die Eltern von David sowie einige Teilnehmende an der Mahnwache am seien an Weihnachten verhaftet worden, man habe die Erinnerungsstelle geräumt. Sie seien jedoch einen Tag später wieder freigelassen worden. Der Protest zeige, dass die normalen Menschen eine Politik ohne Korruption und Nationalismen sowie eine Polizei wollten, die nicht im Interesse der Mächtigen willkürlich agiere. Längst gebe es an anderen Orten Ex-Jugoslawiens Solidaritätskundgebungen. Etwas Neues sei am Entstehen – über künstlich geschaffene und aufrecht erhaltene Grenzen hinweg. Die Menschen in Banja Luka wünschten sich längst Politiker, die nicht mehr rein nationale Interessen vertreten, sondern für alle Menschen des Landes da sind – also genau das, was Mirna Luka seit Jahren aktiv praktiziert.

 

Barbara Häußler

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