Pax Christi

Zehn Jahre hat Johannes Zang in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten als Zitronenpflücker, Altenpfleger, Musiklehrer und Reiseleiter gearbeitet. In seinem vor kurzem erschienenen vierten Buch über das Heilige Land bildet er den Reichtum der Region ab, das Bunte, Anziehende und Vielfältige. Zugleich benennt er gleichwohl auch Verstörendes und Widersprüchliches. Im folgenden Interview erläutert er seine Vorgehensweise und verrät unter anderem, welche gängigen Klischees über das Heilige Land in seinen Augen falsch sind.

POW: Herr Zang, Sie haben vor wenigen Tagen ein neues Buch über das Heilige Land veröffentlicht. Was ist Ihr ganz spezieller Ansatz dabei?

Johannes Zang: Es gibt entweder Bücher über heilige Stätten, die Religionen im Heiligen Land oder eben über den Konflikt. Ich wollte alles zusammenbringen – Schönes, Interessantes, aber auch Verstörendes und Himmelschreiendes. Bis auf zwei Geschichten passen alle auf eine Doppelseite. Das Kaleidoskop reicht von Ausgangssperre über Diamantenbranche und Fußball bis zum ernst-heiteren Status Quo in der Grabeskirche, zu Witzen und Zugvögeln, von denen jährlich 500 Millionen durch Israel und Palästina ziehen – auf dem Weg nach Afrika oder zurück nach Europa oder Asien.

POW: Große Sorge bereitet Ihnen die Situation der Christen im Heiligen Land. Warum?

Zang: Christen, einmal zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, wandern schon seit über 100 Jahren aus, in Wellen. Die letzte habe ich selbst während der zweiten Intifada (Volksaufstand der Palästinenser gegen die Besatzungsmacht Israel) in Betlehem miterlebt. Christen, vor allem aus dem christlichen Dreieck Betlehem – Beit Sahour – Beit Jala suchen für sich und ihre Kinder eine bessere Zukunft in Nordamerika, Europa oder Australien. Ehemalige Schüler von mir, Lehrerkollegen, Nachbarn, Bekannte – ja, die studieren oder arbeiten heute in Bolivien, Kanada, den USA, Schweden, Österreich, Irland, Spanien und Abu Dhabi. Damit verliert Palästina seine Intelligenzia. Betlehem, das einmal über eine christliche Mehrheit von 80 Prozent verfügte, zählt heute keine 20 Prozent Christen mehr. Damit fehlen nicht nur kluge Köpfe, sollten doch noch einmal – nach ewig langer Eiszeit – ernsthafte Gespräche zwischen Israel und Palästina zu einer Lösung des Konflikts und einem Ende der Besatzung stattfinden. Sie würden auch einem zukünftigen Staat Palästina schmerzhaft fehlen.

POW: Welche gängigen Klischees über das Heilige Land haben sich nach der Lektüre sicher erledigt?

Zang: Dass die Palästinenser die Hauptschuld am Fortbestand des Konflikts trügen und weniger friedensbereit seien als die Israelis. Was das Gros der deutschen Medien überhaupt nicht abbildet: das erschreckende Ausmaß der israelischen Besatzung und allumfassenden Kontrolle über das Leben und Land der Palästinenser. Diese reicht bis ins Schlafzimmer. Ein Beispiel: Wenn ein Palästinenser seine isländische, jordanische oder deutsche Ehefrau zu sich nach Betlehem oder Gaza holen will (Familienzusammenführung), muss Israel als Besatzungsmacht zustimmen. Es gibt Paare, die darauf schon 20 Jahre warten und fünfstellige US-Dollar-Beträge für Anwälte ausgegeben haben – ohne Erfolg. Es gibt auch Paare, die das zermürbt und die sich schwersten Herzens scheiden lassen. Wieder andere leben dauerhaft getrennt: einer mit einem Teil der Kinder in Palästina, der andere zum Beispiel in Jordanien mit den restlichen Kindern, und man sieht sich dreimal im Jahr. Die Besatzung muss endlich aufhören – leider wird sie im 177-seitigen neuen bundesdeutschen Koalitionsvertrag nicht thematisiert. Sie tötet nicht nur Palästinenser und Israelis – seit 1987 im Verhältnis sieben zu eins –, sondern korrumpiert Israel auch seelisch-moralisch. Jeder Bürger unseres Landes sollte das seinem Bundestagsabgeordneten klarmachen und ihn bitten, sich entschieden für ein Ende der Besatzung einzusetzen. Mit dem Fortbestand der Militärbesatzung schießt sich Israel ein riesiges Eigentor.

Zur Person: Johannes Zang ist studierter Musiktherapeut und arbeitet als freier Referent und Journalist zum Thema Heiliges Land/Nahostkonflikt sowie als Pilgerführer im Heiligen Land. Er hat über 50 Gruppen auf Pilger-, Begegnungs- und politischen Studienreisen durch Israel, Palästina, Jordanien und im Sinai begleitet. Er spricht Arabisch und Hebräisch und wohnt mit Frau und Kindern in Goldbach (Landkreis Aschaffenburg).

Johannes Zang: „Erlebnisse im Heiligen Land. 77 Geschichten aus Israel und Palästina. Von Ausgangssperre bis Zugvögel.“ Promedia-Verlag, Wien 2021, 224 Seiten, Print 19,90 Euro, ISBN 978-3-85371-490-4, E-Book 15,99 Euro, ISBN 978-3-85371-892-6.

Johannes Zang sendet sein Buch auch portofrei zu, gerne mit Widmung (19,90 Euro). Bestellung über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Interview: Markus Hauck (POW)

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